Interview Riedel-Haller

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Präventiver Versorgungsforschung über die Schulter geschaut

„Die Menschen werden besser darüber Bescheid wissen, was sie selbst tun können“

Prof. Dr. med. Steffi G. Riedel-Heller, Gewinnerin des Forschungspreises der Hans und Ilse Breuer-Stiftung 2017, im Interview
 

Wofür haben Sie den Forschungspreis erhalten? 

Ich habe den Forschungspreis der Hans und Ilse Breuer-Stiftung für meine Arbeiten im Bereich der Versorgungsforschung mit dem Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen, insbesondere Demenzerkrankungen und leichte kognitive Störungen bekommen.

 

Was genau haben Sie im Rahmen Ihrer Forschung untersucht?

Ich hatte in den 1990er Jahren die Möglichkeit, eine bevölkerungsbasierte Studie zu starten, die Leipziger Langzeitstudie in der Altenbevölkerung (LEILA 75+). Dabei wurden eine Zufallsauswahl von 1.200 Senioren (75 Jahre und älter) über mehr als 10 Jahre immer wieder befragt und untersucht. Wir konnten erstmals Hinweise zur Häufigkeit von Demenz und leichten kognitiven Störungen in Deutschland vorlegen. Diese Studie stand Pate für größere multizentrische Studien, die danach folgten. Diese epidemiologischen Ansätze machten schon sehr früh deutlich, wie häufig leichte kognitive Störungen und Demenzerkrankungen in der Bevölkerung vorkommen und welche Relevanz diese Erkrankungen in langlebigen Gesellschaften haben werden. Dies führte uns sehr schnell zu Fragestellungen der Versorgung in der Häuslichkeit aber auch in Heimeinrichtungen.

 

Wie lange forschen Sie bereits in diese Richtung?

Ich habe mich schon als junge Ärztin in der Facharztausbildung für Fragestellungen an der Grenze zwischen Medizin und Gesellschaft interessiert und deshalb auch eine Zusatzausbildung zum Master of Public Health in den USA gemacht. Dabei war sehr früh abzusehen, dass Demenz die Versorgungsherausforderung für die Zukunft ist. Das Thema begleitet mich seit Mitte der 1990er Jahre.

 

Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen und was bedeuten sie für die konkrete Umsetzung in der Praxis?

Zahlreiche Ergebnisse zu Risikofaktoren und Risikoprofilen von Demenzerkrankungen haben inzwischen den Weg in Präventionsstudien gefunden. Deshalb freue ich mich besonders, dass ich zusammen mit Kollegen unlängst die erste große deutsche Präventionsstudie „Geistig fit ins Alter – AgeWell.de“ starten durfte. Andere Arbeiten beschäftigten sich mit Pflegepräferenzen und mit Pflegearrangements, insbesondere mit Risikoprofilen für eine Heimunterbringung. Forschungen zur medikamentösen Behandlung Demenzkranker zeigten deutliches Optimierungspotential. Ein weiterer Arbeitsbereich beschäftigte sich damit, wie sich Lebensqualität im Alter messen und Versorgungsbedarfe aus Sicht der Betroffenen, aber auch ihrer Angehörigen systematisch erfassen lassen. Für Demenzerkrankte zeigte sich, dass viele Bedarfe nicht gedeckt sind. Nur wenn man die wirklichen Bedarfe kennt, kann bedarfsgerecht versorgt werden.

 

Welche Präventionsmaßnahmen können wir als Bürger, aber auch wichtige Anlaufstellen in ihrer Arbeit vornehmen?

Was die Demenzerkrankungen betrifft, ist eine Heilung gegenwärtig nicht möglich, umso wichtiger wird die Prävention. Die Maßnahmen sind nicht ganz überraschend: Bewegung, gesunde Ernährung, geistig und sozial aktiv bleiben und kardio-vaskuläre Risikofaktoren behandeln, das heißt z.B. den Blutdruck gut einstellen und den Diabetes behandeln.

Die Rolle von ausreichend Bewegung wurde lange Zeit unterschätzt. Bewegung ist für die kognitive Leistung förderlich und es scheint so, als gilt dies bis ins höchste Alter. Jeder Schritt zählt!

Zur Prävention kognitiver Störungen und Demenzerkrankungen spielt aus meiner Sicht die primärärztliche Basis eine große Rolle, gestützt von Initiativen in der Gemeinde und den Quartieren. Ist eine Demenzerkrankung diagnostiziert, spielt die Unterstützung und Beratung der pflegenden Angehörigen eine wichtige Rolle.

 

Wie gestaltet sich Ihrer Meinung nach die präventive Versorgung von Menschen mit Demenz in Zukunft und was wäre Ihr Wunsch?

Prävention, Kuration und Rehabilitation sollten im Versorgungssystem und Gesundheitssystem der Zukunft gleichberechtigte Säulen darstellen. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Die Menschen werden besser darüber Bescheid wissen, was sie selbst präventiv tun können, um kognitiv gesund zu altern. Gleichsam wird es mehr Unterstützungsmöglichkeiten geben. Hier werden auch neue Wege eingeschlagen und computergestützte Angebote zum Gedächtnistraining und zum Selbstmanagement eine größere Rolle spielen. Das Netzwerk in den Gemeinden muss für Betroffene und Angehörige enger geknüpft werden, damit diese durchaus vorhandene Unterstützung auch nutzen können. Es wird mehr Alternativen zur herkömmlichen stationären Pflege geben wie ambulant betreute Wohngemeinschaften. Das Statthaus Offenbach ist hier ein Modell und ein Vorreiter für eine solche Wohn- und Weggemeinschaft, um Autonomie und Normalität auch im Krankheitsverlauf so lange wie möglich zu erhalten.

 

Welche Ziele verfolgen Sie noch hinsichtlich Ihrer wissenschaftlichen Arbeit? 

Aktuell interessiere ich mich besonders für die präventive Versorgungsforschung, also welche Bausteine sogenannter multimodaler Intervention wirksam sind und wie diese in die allgemeinärztliche Versorgungspraxis und in die Gemeinden überführt werden können. Während man früher Demenzerkrankungen als Alterserkrankung ansah, weiß man jetzt, dass erste Veränderungen schon Dekaden vor der Erkrankung vorliegen und es wird zunehmend eine Lebenslaufperspektive eingenommen, so dass im mittleren Lebensalter hier schon Weichen gestellt werden. Wir brauchen mehr Wissen, welche Elemente ein kognitiv gesundes Altern am besten unterstützen.

 

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