„Trauerwege führen ins Leben“

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„Trauerwege führen ins Leben“ – Interview mit Dr. Thomas Lindner, Heilpraktiker für Psychotherapie, Fachberater für Psychotraumatologie, Trauerbegleiter

Dr. Thomas Lindner
 

Wenn ein Mensch an einer Demenz erkrankt ist, müssen sich sowohl der Betroffene als auch die Angehörigen nach und nach von vielen Dingen verabschieden. Welche sind das?

Sowohl für dementiell erkrankte Menschen als auch für ihre Angehörigen ist der gesamte Krankheitsverlauf von Verlust- und Abschiedserfahrungen geprägt. Da sind zum Beispiel die Wesensveränderungen und die sich häufenden Einschränkungen, die Patienten – vor allem in der Anfangsphase einer Demenz – an sich selbst erleben. Sie werden zunehmend abhängig von der Hilfe anderer Menschen, weil ihre Fähigkeiten mehr und mehr nachlassen – Denken, Erinnerungen, Orientierungsfähigkeit, Bewegungsfreiheit usw. Ihre Selbständigkeit geht verloren und schließlich ihre gesamte Identität. Angehörige müssen es ertragen, dass sie ihre Frau oder Mutter, ihren Vater oder Mann an die Krankheit verlieren, dass sie von dem vertrauten Menschen irgendwann nicht mehr erkannt werden, dass sie zunehmend Verantwortung für sein Leben übernehmen müssen, weil es ihm selbst nicht mehr möglich ist. Eine weitere sehr schmerzvolle Erfahrung müssen Angehörige machen, wenn die Pflege des dementiell erkrankten Menschen zu Hause nicht mehr geleistet werden kann. Und der Tod, auch wenn er wie eine Erlösung am Ende eines langen Leidensweges anmuten mag, konfrontiert Angehörige noch einmal mit einer anderen Dimension von Verlust und Abschied.

Was ist aus Ihrer Sicht hilfreich bei der Begleitung von Menschen mit Demenz, gerade wenn es ans Sterben geht?

Wenn Angehörige einen demenzkranken Menschen in der Sterbephase begleiten, ist es wichtig, dass sie dessen individuelle Bedürfnisse erkennen und – gegebenenfalls mit ärztlicher Hilfe – erfüllen. Dies betrifft seine Lebensqualität und dabei zunächst die Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden. Demenziell veränderte Menschen geben häufig durch ihre Mimik und Gestik oder durch ihr Verhalten zu erkennen, dass sie Schmerzen haben. Des Weiteren betrifft es das Bedürfnis des Sterbenden nach Schutz und Geborgenheit. Man weiß, dass die emotionale Erlebnis- und Aufnahmefähigkeit eines demenziell veränderten Menschen in der Regel sehr lange erhalten bleibt. Deshalb sollte er nach Möglichkeit in einer gewohnten Umgebung bleiben können und von vertrauten Personen umgeben sein. Unnötige ärztliche Maßnahmen und hektischer Aktionismus sollten vermieden werden. Sehr wichtig sind ein ruhiges Da sein der begleitenden Menschen und die nonverbale Kommunikation mit dem Sterbenden: der Körperkontakt, das Berührt- und Gehaltenwerden. Aber auch andere Sinneseindrücke wie Düfte, Farben oder Musik, ebenso Lautstärke, Tonfall, Gestik, Mimik von Menschen in der Umgebung werden vom Patienten bis zuletzt wahrgenommen. Ich kenne Angehörige, die Sterbenden in den letzten Stunden vertraute Gedichte, Geschichten und Märchen vorgelesen und bekannte Lieder vorgesungen haben. Gläubigen kann man zum Beispiel einen Handschmeichler in Form eines kleinen Kreuzes oder einer Engelsfigur geben. All dies trägt dazu bei, dem dementiell erkrankten Menschen ein würdevolles Sterben zu ermöglichen, ist aber natürlich auch schon hilfreich, bevor der Sterbeprozess einsetzt.

Wie lässt sich der Verlauf von Sterbe- und Trauerprozessen beschreiben?

Es hat in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Versuche gegeben, die Abläufe von Sterben und Trauer als Phasenmodelle zu beschreiben. Zwei von ihnen möchte ich kurz nennen: Die Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004), die in den USA zur Begründerin der modernen wissenschaftlichen Sterbeforschung und zu einer Pionierin von Palliativmedizin und Hospizbewegung wurde, unterschied auf der Grundlage von vielen Gesprächen, die sie mit Sterbenden geführt hatte, fünf Phasen – sie führen vom „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ des Sterbens bis zum „Einverständnis“ mit dem bevorstehenden Lebensende. Diese fünf Phasen erkannte Kübler-Ross analog auch bei Trauernden nach einem schweren Verlust. 1981 beschrieb die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast vier Phasen der Trauer, beginnend mit dem „Nicht-wahrhaben-Wollen“ des Verlustes und endend mit dem „Neuen Weltbezug“, den Betroffene im Verlauf der Trauerarbeit erleben können. Sowohl Elisabeth Kübler-Ross als auch Verena Kast betonen allerdings, dass trotz aller Gemeinsamkeiten, die das Sterben und die Trauer von Menschen prägen, Erlebnisfähigkeit und Reaktionen von Betroffenen stets auch individuell verschieden sind. Gerade dieser Aspekt wird heute besonders beachtet und hervorgehoben. In der modernen Palliativmedizin hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass man über die physiologischen Vorgänge am Lebensende – im Gegensatz etwa zu denen bei der Geburt – noch gar nicht allzu viel weiß. Indem man an uralte Wurzeln der Medizin anknüpft, um nicht Lebensverlängerung um jeden Preis zu erreichen, sondern eine Verbesserung der Lebensqualität schwerkranker Menschen, erinnert man sich daran, dass es einen „natürlichen“ Sterbeprozess gibt, den man erkennen und begleiten kann, in den Ärzte aber – außer zur Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden – so wenig wie möglich eingreifen sollten.
Der italienische Palliativmediziner Gian Domenico Borasio fordert darum, dass jeder Mensch die Chance haben sollte, seinen „eigenen Tod“ zu sterben, ohne dass dies von Ärzten allzu sehr gestört wird. Vor diesem Hintergrund halte ich es für wichtig, dass sowohl sterbende Menschen als auch trauernde Angehörige je nach Bedürfnis individuell begleitet werden, denn auch in der Trauerpsychologie haben neue Einsichten ihren Platz eingenommen. So gilt, dass jeder Mensch auf seine individuelle Weise trauert. Dabei richtet sich das Augenmerk auf sogenannte „Entwicklungsaufgaben“, die trauernde Menschen zu erfüllen haben, damit der Trauerweg zur Annahme des Verlustes und zu innerem Wachstum führen kann. Wichtig dafür sind zum Beispiel die aktive Pflege einer Erinnerungskultur seitens des Trauernden sowie die Neugestaltung seines Lebens ohne den Verstorbenen; dieser darf aber dauerhaft einen Platz im Herzen des Hinterbliebenen behalten. Wenn sich ein Angehöriger dann im Sinne des Verstorbenen etwa zugunsten der Betreuung anderer schwerkranker Menschen engagiert – dies ist ja auch schon, wie ich weiß, im Projekt StattHaus der Fall gewesen -, dann trägt das auf dem Trauerweg erworbene innere Wachstum besonders schöne Früchte.

Es gibt Stimmen, die sagen: Wir leben in einer „Trauervermeidungskultur“. Wie sehen Sie das und wie sind die ersten Schritte in der Arbeit mit Trauernden?

In unserer schnelllebigen, von Stress und Leistungsdruck geprägten Zeit gilt Trauer vielfach nicht mehr als etwas Natürliches und Selbstverständliches. Trauer sollte schnell vorüber gehen, damit das Leben möglichst rasch wieder in die „normalen“ Bahnen zurückkehrt: so die weitverbreitete Meinung, die Trauernde oft zu hören bekommen und vielfach auch teilen. Aber Vermeidung und Ablenkung bringen allenfalls kurzfristig Erleichterung – längerfristig sind die Folgen oft leidvoll und nachhaltig. Viele Trauernde stehen in einem permanenten Konflikt zwischen ihrem Verlustschmerz und dem von außen oder selbst auferlegten Druck, bald wieder „funktionieren“ zu müssen. Für die Menschen, die schwer an ihrer Bürde tragen und deshalb Unterstützung suchen, ist es meist schon entlastend, wenn sie von mir erfahren: Verluste wollen und dürfen betrauert werden. Trauer ist keine Krankheit, sondern die normale Reaktion auf einen schmerzlichen Abschied. Jeder Trauerweg verläuft anders. Trauerwege können lang und beschwerlich sein, aber wenn sie konsequent gegangen werden, führen sie schließlich wieder ins Leben. Erschwerend kann sich allerdings auswirken, wenn der erlittene Verlust traumatisch erlebt wurde, zum Beispiel das Sterben eines Kindes, der Suizid oder der plötzliche Unfalltod eines Angehörigen. Eine solche tiefe seelische Wunde muss ebenso sorgsam behandelt werden wie eine schwere körperliche Verletzung und erfordert eine entsprechende Form der Trauerarbeit, die auch psychotraumatologische Elemente einbezieht. Auf diese Weise kann es mit der Zeit möglich werden, dass der Betroffene mit der traumatischen Erfahrung leben kann, auch wenn im Leben nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Was heißt Trauerarbeit und gibt es das „perfekte“ Trauern?

Die Erfahrung eines einschneidenden Verlusts verändert das Leben eines Betroffenen grundlegend, und dieser verändert sich auf seinem Trauerweg. Das „perfekte“ Trauern gibt es sicherlich nicht, denn jeder Mensch trauert auf seine Weise. Hier gibt es kein „gut“ oder „schlecht“, kein „richtig“ oder „falsch“. Vielmehr sollte der Maßstab sein: heilsam oder nicht. Auch das ist individuell ganz verschieden. In der Trauerbegleitung steht deshalb die Frage im Mittelpunkt: Was tut dem Trauernden gut? Dies gilt auch für dementiell erkrankte Menschen und ihre Angehörigen. Erfahrungen von Verlust und Abschied sind schwer zu ertragen; deshalb entwickeln Menschen eine massive psychische Abwehr dagegen. So wollen Demenzkranke und ihre Angehörigen zunächst vielleicht gar nicht akzeptieren, dass alle Hoffnungen auf Besserung und Genesung trügerisch sind, dass schon zu Lebzeiten des Patienten Abschied genommen werden muss. Aber dies will ebenso angenommen werden wie die Krankheit selbst. Dieser Weg des Annehmens ist mit einem Wechsel von widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen verbunden – Seelenschmerz, Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit, Schuld- und Schamgefühle, Wut und Zorn, Resignation. Wichtig ist nun, sich mit solchen Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen, sie nicht beiseitezuschieben und zu verdrängen, sondern sie zuzulassen und auszuhalten.

Über welche Kompetenzen verfügen Sie als Trauerbegleiter?

Grundlegend ist zunächst eine solide Ausbildung, die ich bei Adolf Pfeiffer in der Herberge der Trauer in Arzbach bei Bad Ems absolviert habe. Auch meine Ausbildungen in Psychotherapie und Psychotraumatologie kommen mir in meiner Arbeit zugute. Um Menschen auf ihrem Trauerweg kompetent begleiten zu können, bringe ich ein vertieftes Wissen mit über das Wesen der Trauer, ihre kurz- und längerfristigen Erscheinungsformen und das, was Trauernden wirklich gut tut. Ein Trauerweg verläuft nicht geradlinig, sondern gleicht dem Gang durch ein Labyrinth oder einer beschwerlichen Bergwanderung mit Steilstrecken und über Abgründe hinweg. Ich gehe an der Seite des Trauernden, ohne mich aufzudrängen und ohne ihn zu bevormunden. Ich bin einfach da, höre geduldig zu, ohne zu bewerten oder „Rat-Schläge“ zu erteilen. Wichtig ist mir, seine Gedanken und Gefühle, seinen Schmerz und seine Reaktionen mit auszuhalten. Ich versuche, seine Bedürfnisse zu erfahren und wahrzunehmen und ihnen nach Möglichkeit gerecht zu werden. Er darf reden, schweigen, weinen, klagen. In der gemeinsamen Arbeit biete ich Rituale, Symbole, Texte und Lieder an, um den Trauernden darin zu unterstützen, seine Trauer zu leben und zu gestalten und sich dafür die Zeit zu lassen, die er braucht, damit aus dem Abschied für ihn ein Neubeginn werden kann.

Weitere Informationen finden Sie auf www.trauerbegleitung-dr-lindner.de und auf www.psychotherapie-dr-lindner.de

 

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