Alzheimerdorf De Hogewey

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Besuch im Alzheimerdorf „De Hogewey“ am 27.9.2011

© Jutta Burgholte-Niemitz

 

Ein Dorf, in dem fast ausschließlich Menschen mit Demenz leben – was unrealistisch klingt, wird in Holland seit einigen Jahren praktiziert. Das Alzheimerdorf Hogewey nahe Amsterdam gilt als Vorzeigeprojekt. Ein Grund, warum Jutta Burgholte-Niemitz sich dieses außergewöhnliche Projekt genauer anschauen wollte. Zunächst skeptisch, ob und wie so etwas funktionieren kann, nahm sie nach dem Besuch vor Ort viele Impulse und wertvolle Erfahrungen mit: „Vor allem freue ich mich über die Haltung der Hausleitung und deren Menschenbild. Respekt und Wertschätzung sind sicht- und spürbar. Die Regie über das eigene Leben und die Erhaltung von hoher Lebensqualität stehen im Vordergrund und Mittelpunkt. Die eigene Häuslichkeit für Menschen mit Demenz sind in Hogewey in Form einer Einteilung von Lebensstilen, größerem Raum, mehr Möglichkeiten der Bewegung und Außenanreize erkennbar.

Je nach eigenem (kulturellen) Hintergrund, gibt es für die Bewohner sieben verschiedene „Lebensstile“, die von urban, über häuslich bis hin zu indisch oder christlich reichen. Entsprechend sind die Einrichtungsgegenstände, Farben und Materialien ausgewählt, die Außenzonen entweder parkähnlich oder städtisch mit Straßen und Brunnen, Brücken angelegt. Jutta Burgholte-Niemitz: „Es geht darum, dass die Menschen dort ein wiedererkennbares Leben vorfinden, mit gewöhnlichem Haushalt und Nachbarn mit den gleichen Vorlieben und Gewohnheiten. Die Räume bieten Sicherheit und Privatsphäre.

Sechs bis acht Bewohner leben in einem Haus. Die Mitarbeiter werden unterstützt, agieren jedoch sehr selbständig. Dazu wird von „außen“ (Vereine verlegen ihre Aktivitäten in Räumlichkeiten des Dorfes) hereingetragenes vielseitiges, Vereinsleben angeboten. Auf dem insgesamt 15 000 qm großen Gelände gibt es die sogenannte Außenschale, zwei personell besetzte Ein-und Ausgänge sorgen dafür, dass die Bewohner das Gelände nicht ohne Begleitung verlassen können. Nach Aussagen der Sprecherin benötigen die Bewohner weitaus weniger Medikamente, schwierige Verhaltensauffälligkeiten treten selten auf, da die besonderen Bedingungen und die entsprechende Milieugestaltung sehr unterstützend wirkt. Insgesamt herrscht der Konsens, größtmögliche Freiheit mit gewissen Restrisiken zu ermöglichen. Lange Bettlägerigkeit kommt selten vor, die Menschen bleiben in der Gruppe, wenn nötig mit Pflegerollstuhl. Ab 22:30 Uhr beginnt die vorwiegend akustische „Überwachung“ und es werden technische Hilfen (z.B. Monitore und Sensormatten) eingesetzt. Vier Personen sind jedoch anwesend, um für die 152 Bewohnerinnen und Bewohner zu sorgen. Kennzeichen einer Institution sind nicht sichtbar, die gesamte Organisation findet hinter den Kulissen statt.

 

© Jutta Burgholte-Niemitz

 

Fazit: Zusammenfassend ist De Hogewey ein gelungenes Modell in seinem Kontext. Fremd bleibt die Trennung zwischen Hogewey und der Außenwelt. Die hilfreichen Abläufe in den Lebens- und Betreuungsbereichen im Dorf können, trotz Einbindung vieler Ehrenamtlicher Helfer, von der allgemeinen Gesellschaft als gemeinsamer Prozess für ein gutes Leben mit Demenz, nicht ausreichend wahrgenommen werden. Mit unserer ambulanten Wohn- Pflegegruppe kann das StattHaus die gleiche Lebens- und Versorgungsqualität sicherstellen und darüber hinaus dafür sorgen, dass in kleinräumiger Infrastruktur Verantwortung füreinander übernommen werden kann. Damit die Demenz keine individuelle Herausforderung bleibt, sondern offen in unserem Alltag mitgelebt wird. Nur so kann das defizitäre Bild der dementiellen Entwicklung durch andere Erfahrungen ersetzt werden.

Die Begegnung mit der realen Außenwelt findet in De Hogewey nicht statt. Das kann sehr entspannend für die Menschen mit Demenz sein. Sie scheitern kaum in ihrem Alltag, die innerdörfliche Umgebung fängt sehr viel auf, lässt aber die gesamte Umwelt „draußen“ unberücksichtigt. Die Wohn-Pflegegruppen in unseren Städten und Gemeinden sind interessiert an der Integration in das normale Lebensumfeld, was nicht immer leicht ist, da wir noch nicht ausreichend von verständnisvollen Begleitern umgeben sind. „Wir wünschen uns ein Umfeld, in dem Anderssein nicht pathologisiert und stigmatisiert wird, sondern auf Solidarität hoffen darf“, wie es Peter Wißmann vom Demenz Support Stuttgart gGmbh so treffend formuliert. De Hogewey ist umfassend stationär geführt, benötigt daher erhebliche Ressourcen und kostet 5000 Euro. In unseren Städten ist zukünftig weiterhin eine intensive Informationsvermittlung zum Thema Demenz erforderlich, die Entwicklung und die Arbeit an demenzfreundlichen Kommunen, Aufklärung und Schulung von Einzelhandel, Banken, Polizei usw. Alle Helfer und Beteiligte benötigen Handwerkszeug zum Umgang mit Demenz. Quartiers- und Nachbarschaftsbeziehungen müssen einbezogen werden, bürgerschaftliches Engagement intensiviert und insgesamt eine neue Kultur des Helfens aufgebaut werden.

 

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