„Was die Situation besonders schwierig macht, ist zu erkennen: Meine Mutter ist nicht nur ein bisschen vergesslich geworden, sondern unheilbar krank.“

Ein anonymes Interview mit einer Frau, die neben ihrem Beruf jahrelang ihre Mutter gepflegt hat.

Was hat Sie in dieser Zeit am meisten belastet?

Seit 2005 habe ich die Katastrophe kommen sehen und habe versucht, mit meiner Schwester zusammen einen guten Platz für unsere Mutter zu finden. Leider ohne jeden Erfolg, meine Schwester hat sich geweigert die Betreuung abzugeben. Im Dezember 2007, eine Woche vor Weihnachten, bekam meine Mutter einen Schlaganfall und meine Schwester die Diagnose Brustkrebs. Meine Mutter kam dann vom Krankenhaus direkt ins Pflegeheim. Die ersten Monate wurde ich von ihr beschimpft das sie dort wohnen musste. Meine Schwester hatte sich für einige Monate aus der Betreuung zurückgezogen, da sie genug eigene Probleme zu lösen hatte. Diese Zeit zählt zu den wirklich schlimmen meines Lebens. Angst, meine Schwester zu verlieren, meine Mutter jeden Tag ein bisschen mehr zu verlieren und heftiges Mobbing im Büro. Ohne die liebevolle Unterstützung meines Lebensgefährten wäre das nur sehr schwer auszuhalten gewesen. Und für mich war es sehr schwer den Rollentausch zu erleben – meine Mutter wurde das Kind und ich die Mutter. Das beinhaltete natürlich auch, sie in ihren Freiheiten einzuschränken. Wir mussten ihr ein Taschengeld zuteilen und ihre Medikamente, was eine riesiges Problem war, da meine Mutter seit Jahrzehnten tablettenabhängig war und wir ihr das Suchtmittel eingeteilt haben. Dann ihre Scham, wenn Sie sich in die Hosen gemacht hatte und vieles andere mehr. Es machte mich traurig, wenn sie sagte „ich glaube ich werde verrückt“. In gewisser Weise hatte sie ja recht, aber das hätte ich ihr nicht sagen können.

Was hätten Sie sich seitens Ihrer Firma gewünscht?

Was den Arbeitgeber meiner Schwester angeht hatten wir viel Glück. Sie konnte immer mal später kommen oder früher gehen, wenn Arzttermine anstanden. Außerdem hatten wir eine Betreuung organisiert, die morgens und nachmittags je für eine Stunde zu meiner Mutter kam und viele Termine für uns erledigte. Wenn man all diese Dinge nicht hat, wäre es sehr hilfreich eine ähnliche Regelung wie Eltern kleiner Kinder zu bekommen. Zusätzliche freie Zeit zur Pflege der Angehörigen. Dies ist jedoch sehr schwer zu leben, denke ich. Als pflegender Angehöriger steht man in der Regel am Ende seines Arbeitslebens und hat ohnehin einen schwereren Stand am Arbeitsmarkt als junge Leute."

Würden Sie sagen, dass auch Sie dazu beigetragen haben, dass die Situation so schwierig wurde?

Was die Situation besonders schwierig macht, ist zunächst einmal zu erkennen: Meine Mutter ist nicht nur ein bisschen vergesslich geworden, sondern unheilbar krank. Sich einzugestehen, mit der Situation ab einem gewissen Punkt überfordert zu sein und dies nicht als persönliche Schwäche zu erleben. Es wurde einfacher, als wir anfingen offen darüber zu reden. Deshalb bin ich so begeistert von der Idee des Cafès im Statthaus. Es wäre für mich einfacher gewesen, dort Kontakt mit Gleichgesinnten aufzunehmen als sich an Institutionen zu wenden. Und ich hatte anfangs immer ein bisschen das Gefühl von Verrat an meiner Mutter: Ich erzähle aller Welt, dass meine Mutter in die Hose macht. Das mag kindisch erscheinen, denn objektiv gesehen ist es Blödsinn, aber subjektiv gesehen war es meine Mutti, der gegenüber ich immer loyal sein wollte.

Was raten Sie Angehörigen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?

Ich rate allen Angehörigen, sich bei den ersten Anschein einer Demenz mit anderen Betroffenen zu treffen. Ich habe bei der Alzheimer Gesellschaft erlebt, wie gut mir das getan hat. Es ist wichtig das Gefühl unfähig zu sein, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Es ist wichtig Tipps zu bekommen, wie man mit der einen oder anderen Situation umgehen kann. Und es ist wichtig, sich sofort nach geeigneten Unterstützungen und einem geeigneten Pflegeheim umzusehen. Das hat nichts damit zu tun, den Angehörigen abzuschieben. Ich habe jetzt schon dreimal erlebt, dass der Zeitpunkt, an dem der zu Pflegende nicht mehr alleine sein konnte, plötzlich sehr schnell da war.

Vielen Dank für Ihre Offenheit und das Gespräch!

Die Fragen stellte Jutta Burgholte-Niemitz.

 

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